Suche
  • A-Z Sprachfabrik

Textfeedback – aber richtig!

Aktualisiert: März 4


Wenn du im deutschsprachigen Raum aufgewachsen bist, kennst du Feedback vermutlich nur in einer Variante: Der Rotstift in deinen Heften aus der Schulzeit, der dir anzeigt, was du alles falsch gemacht und vergessen hast. Wenn du Pech hattest, ohne jeglichen erklärenden Kommentar dazu. Im schlechtesten Fall warst du danach genauso klug wie zuvor. In vielen Fällen geht dieser Tunnelblick auf Fehler im Studium und im Unternehmen weiter. Auch wenn ich mir meine StudentInnen und Coaching-KlientInnen so anhöre, muss ich leider feststellen: Eine richtig tolle Fehlerkultur haben wir ÖsterreicherInnen immer noch nicht.

Falsch! Schirch! Themenverfehlung! Neu machen!

Du würdest nicht glauben, wie viele erwachsene KundInnen ich habe, die mich in Schreibgruppen für kreatives (!) Schreiben fragen, ob sie das jetzt „richtig“ oder „falsch“ gemacht hätten. Die Angst, etwas falsch gemacht zu haben oder sich zu blamieren, sitzt bei einigen Menschen sehr tief.

Bei vielen Leuten rollen sich deshalb noch Jahrzehnte später die Zehennägel auf, wenn sie das Wort Feedback bloß hören. Irgendwie verständlich!

Doch gutes Feedback ist so wichtig und kann so viel mehr.


Aber von Anfang an:

Wozu braucht man überhaupt Textfeedback?


· Egal ob du einen Roman schreibst oder eine Abschlussarbeit – du selbst bist ganz tief drin in der Thematik. Du kennst jeden Charakter, die Geschichte, oder hast haufenweise Literatur zu einem Fachthema gelesen. Ich garantiere dir aus eigener Erfahrung: Du selbst wirst nie zu jeder Zeit wissen, was du tatsächlich geschrieben und was du nur gedacht hast. Das ist doch völlig klar, dass xy hier der Bösewicht ist, wirst du beispielsweise über einen eigenen Text denken. Doch manchmal sind Dinge nur dir klar, da du dich mit dem Thema auseinandersetzt. Aber beim Vorlesen stellt sich heraus: Deinen LeserInnen ist es deshalb noch lange nicht klar (und sie sympathisieren im schlimmsten Fall mit dem Charakter, den du zu jedem Preis als unerträglichen Idioten darstellen wolltest).


· Feedback wirft ein Licht auf deine starken Stellen im Text UND auf deine blinden Flecken. Nicht immer können wir unserem eigenen Gefühl hundertprozentig vertrauen. Oft merken wir gar nicht, welche Textpassagen unglaublich gut sind, da wir beim Schreiben das Gefühl hatten, heute „nicht so in Form“ zu sein. Oder wir steigern uns in Passagen hinein, die wir für unglaublich wichtig halten, ohne zu merken, wie übervoll und unlesbar diese letztendlich dadurch werden. Dass die LeserInnen jetzt echt, wirklich, ganz ehrlich, nicht mehr wissen wollen, welcher Charakter seinen Kaffee auf welche Art trinkt, auch wenn mir das im Rohtext vielleicht total wichtig vorgekommen ist.


Ich verspreche dir, dass gutes Feedback jeden deiner Texte besser machen wird. Und nein, das heißt nicht, dass du alles super finden oder dafür erst zum Literaturexperten/zur Literaturexpertin werden musst. In dieser Anleitung bekommst du einen guten Einblick in die Zutaten von wirklich produktivem Textfeedback, mit denen du deinen oder einen anderen Text auf die nächste Ebene bringen kannst – und Tipps zum Weitermachen, wenn du tiefer in die Materie eintauchen willst.


Wenn du Feedback gibst:


1) Konzentriere dich zuerst auf die guten Stellen.


Welcher Teil des Textes bleibt bei dir hängen? Was hat dir gut gefallen, sowohl inhaltlich als auch sprachlich? Teile das unbedingt mit. Dieser Aspekt ist für den Schreibenden/die Schreibende wichtiger als die unzähligen „Fehler“, auf die wir unser Leben lang konditioniert wurden.


2) Sei so konkret wie möglich.


„Gut“ oder „schlecht“ sind sehr subjektive und vage Beschreibungen. Spür wirklich in dich hinein und schau, was der Text in dir auslöst. Konkretes Feedback könnte zum Beispiel so aussehen:


„Ich habe diese Stelle ... unglaublich spannend gefunden. Die Verfolgungsszene im Auto war beklemmend. Besonders, als sie .... Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was er...Und das Detail mit ... hat dieses Gefühl noch verstärkt.“


„Ich habe es besonders interessant gefunden, dass es bei Krankheit x in den letzten zwei Jahrzehnten so viele medizinische Fortschritte gegeben hat. Deine Fallbeispiele von ... und ... haben mir geholfen, mir das wirklich vorstellen zu können.“



3) Gib der anderen Person Ich-Botschaften.


Natürlich hat jeder Mensch einen eigenen Geschmack. Bei konstruktivem Feedback geht es jedoch nicht in erster Linie um den eigenen Geschmack, sondern darum, wie genau dieser Text, den du hörst, in all seiner Individualität konkret besser werden kann. Das Ziel ist es nicht, aus einem Agententhriller einen historischen Liebesroman zu machen oder einen allwissenden Erzähler zum personalen Ich-Erzähler zu machen, nur weil einem das persönlich besser gefällt.

Es ist wie beim Wein: Einer schmeckt mir vielleicht besser als der andere, aber es gibt einen Unterschied zwischen einem Wein, der mir persönlich nicht so schmeckt, und einem Wein, der objektiv fehlerhaft oder verdorben ist. (Und ja, ich liebe Essensvergleiche!)

Sei dir bewusst, dass dein Feedback eine von vielen möglichen Rezeptionen ist, und greife auf Ich-Botschaften zurück.


4) Kommuniziere, was du nicht verstanden hast.


Vielleicht kam für dich im Text eine Stelle zu plötzlich. Oder es waren gleich im ersten Kapitel ein halbes Dutzend Nebenfiguren da, die du nicht auseinanderhalten konntest.

Und ja­ ­– auch wissenschaftliche Texte sollen und dürfen verständlich sein. Gute wissenschaftliche Texte sind konkret, anschaulich, verständlich und im besten Fall auch noch spannend zu lesen.

Mehr spezifische Info zum wissenschaftlichen Schreiben erhältst du bei unseren KollegInnen vom writers' studio.


5) Brauchst du noch mehr Infos?


Worüber hättest du gerne mehr erfahren? Ging irgendetwas im gehörten oder gelesenen Text dir zu schnell? Auch das ist eine wichtige Info für die Person, der du Feedback gibst.


6) Behandle fremde Texte immer mit Respekt.


Einen Text aus der Hand zu geben, ist für die meisten Menschen eine Herausforderung. Besonders, wenn es sich um autobiografische oder kreative Texte handelt. Fast immer sind unsere Texte sehr persönlich und unsere inneren KritikerInnen ohnehin recht laut. Worte haben Macht. Wir sollten sie mit Bedacht wählen, besonders, wenn es um etwas so Persönliches geht wie einen Text; einen, der noch dazu vielleicht noch ganz im Anfangsstadium ist. Ich habe KundInnen, die von einem einzigen unbedachten, negativen Feedback in monatelange Schreibblockaden katapultiert wurden – weil der Bekannte, dem sie den Text gezeigt haben, „so eine Art von Text“ generell nicht mochte und deshalb ohne auf Details einzugehen einfach alles pauschal für schlecht befunden hat.

Das können wir alle besser machen!


Wenn du um Feedback bittest:



1) Welches Feedback möchtest du?


Besonders bei sehr frischen Texten haben wir oft nur eine sehr vage Idee, wie diese wirken und wohin wir damit wollen. Das ist völlig in Ordnung! Beachtet dein Feedbackgeber/deine Feedbackgeberin die oben genannten Punkte, wirst du auf jeden Fall sinnvolles Feedback erhalten.

Vielleicht bist du aber mit einem Textprojekt schon etwas weiter und wünschst dir konkreteres Feedback. Sag es deinen ZuhörerInnen vor dem Vorlesen, wenn du etwas Konkretes von ihnen wissen möchtest.


2) Präsentiere deine Arbeit langsam, laut und deutlich.


Vor allem dann, wenn wir es noch nicht gewohnt sind, Texte laut vorzulesen, wollen wir nur eines: Schnell schnell schnell lesen und nicht atmen und möglichst flott wieder raus aus dieser Situation!!

Atme. Lies einen Satz. Atme noch einmal. Deine ZuhörerInnen brauchen Zeit, um sich auf einen Text einzulassen. Worte wirken in unserem Gehirn deutlich langsamer als Bilder oder Videos. Wenn du das Gefühl hast, viel zu langsam zu lesen, ist es vermutlich genau richtig!

Gib der anderen Person Zeit, dir zuzuhören und sich gegebenenfalls Notizen zu machen.


3) Widerstehe der Versuchung, dich für deinen Text zu rechtfertigen.


Es ist – auch für sehr geübte FeedbackerInnen– eine der härtesten Aufgaben, stumm dazusitzen und Feedback auszuhalten. Tu es trotzdem! Es gibt der anderen Person die Möglichkeit, zu vermitteln, was sie beim Zuhören gedacht hat. Unterbrich den Feedbackgeber/die Feedbackgeberin nicht. Lass sie ausreden und mach dir Notizen zum Gesagten. Das verhindert Diskussionen, die vom Hundertsten ins Tausendste führen und meistens nichts bringen.


Und für beide Seiten:


Seht Feedbacks als Angebote an.


Ihr kennt das. Manchmal bekommt man zum Geburtstag oder zu Weihnachten richtig tolle Sachen, die man sich ewig gewünscht hat. Und manchmal bekommt man... nett gemeinte Dinge. Mit denen man nicht wirklich was anfangen kann, die Staub ansetzen und hoffentlich irgendwann an eine weitere Person verschenkt werden, die sie besser brauchen kann. Genauso ist es auch beim Feedback. Nimm die Feedbacks an und überlege dir in Ruhe, was davon du brauchen kannst. Manche Feedbacks werden dir unglaublich viel bringen und dir vielleicht das fehlende Puzzlestück für deine Story liefern. Wieder andere wirst du vielleicht nicht so gut gebrauchen können.


Feedback und (grammatikalische) Korrektur sind zwei unterschiedliche Arbeitsschritte.


Es ist erfahrungsgemäß nie eine gute Idee, beim Feedbacken bereits auf Dinge wie Kommafehler, Rechtschreibfehler oder Wortwiederholungen hinzuweisen. Wenn du gutes Feedback gegeben oder bekommen hast, wird sich am betreffenden Text noch einiges ändern. Je nach Text kann das nur ein zusätzlicher Satz, aber auch größere Dinge wie das Streichen oder Neuschreiben ganzer Seiten sein. Es bringt also meistens überhaupt nichts, bei einem Rohtext schon an solchen Details herumzudoktern und damit Zeit zu verlieren. Dieses „Polieren“ kommt ganz zum Schluss, wenn der Text für den Autor/die Autorin inhaltlich „fertig“ und stimmig ist.


Und das Wichtigste ist:


Der Text bleibt immer beim Autor/bei der Autorin. Noch einmal, weil es so wichtig ist:

Der Text bleibt immer beim Autor/bei der Autorin. Unser Ziel mit Textfeedback ist es niemals, dem Autor oder der Autorin den Text aus der Hand zu reißen und zu sagen, wie er/sie es machen soll, sondern ihm oder ihr damit zu helfen, das Bestmögliche aus dem Text herauszuholen, die starken Stellen zu stärken und zu sehen, wo sein Weiterentwicklungspotenzial liegt.


Neugierig geworden? Das alles ist nur ein sehr kleiner Ausschnitt davon, was gutes Feedback kann. Gutes Textfeedback ist motivierend und beflügelnd. Und wie so viele Dinge im Leben wird es mit Übung besser. Mehr konstruktives Textfeedback bekommst du in unseren Schreibgruppen, online und in 1040 Wien: https://anaznidar.com/more-writing/schreibgruppen

Bist du schon an einem ganz konkreten Projekt dran und wünschst dir gezieltes individuelles Textcoaching, um deinen Text auf die nächste Ebene zu bringen? Bei mir kannst du auch individuelle Schreibcoaching-Stunden vereinbaren – ebenfalls online und in 1040 Wien: https://www.az-sprachfabrik.com/


Alles Liebe und viel Freude beim Schreiben!


Gabi

(A-Z Sprachfabrik)

53 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen