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Talent ist überbewertet (und was du wirklich brauchst, um erfolgreich Fremdsprachen zu lernen)



Ein tschechisches Sprichwort besagt, dass man mit jeder neuen Sprache auch eine neue Seele erwirbt. Für mich waren Sprachen immer schon etwas Wunderschönes.

In der Schule hatte ich Englisch als erste und Französisch als zweite Fremdsprache. Später habe ich noch Spanisch gelernt und eine Zeit lang in Spanien gelebt. Seit 2014 unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache. Ich lerne aber auch selbst weiter: Kurdisch und Japanisch sind zwei Sprachen, die ich in meinem Leben unbedingt noch halbwegs gut beherrschen möchte. Aber auch meine Französischkenntnisse aus der Schulzeit sollen nicht ganz verschwinden, deshalb besuche ich seit mehreren Semestern wieder einen Fortgeschrittenen-Kurs.


Über das Sprachenlernen schwirren alle möglichen Theorien, Gerüchte und Halbwahrheiten herum, die entweder von außen kommen oder tief in uns verankert sind. Von der hunderttausendsten, angeblich vielversprechendsten neuen Lernmethode, die alles ändern wird, oder Geschichten von 19jährigen Influencerinnen, die anscheinend ganz locker-flockig sieben Sprachen beherrschen, bis hin zu negativen Einstellungen wie In meinem Alter lern' ich das doch eh nicht mehr gscheit oder Ich war schon in der Schule nicht sprachbegabt.


Mein Tipp: Genieße diese Internet-Weisheiten (und die Tiraden deines inneren Kritikers) –wenn überhaupt– mit aller gebotenen Skepsis. Hier sind einige Fragen und Überlegungen, die du dir stattdessen stellen kannst, wenn du gerade eine Fremdsprache lernst, aktuell mit einer Fremdsprache kämpfst, oder schon länger überlegst, mit einer Fremdsprache deiner Wahl zu beginnen.


Was ist dein WARUM?


Warum möchtest du diese Sprache lernen?

Motivation als wichtiger Einflussfaktor für den Lernerfolg ist etwas, das in der Lehr- und Lernforschung seit Jahrzehnten untersucht wird. Man unterscheidet in erster Linie zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation. Intrinsische Motivation liegt in dir selbst begründet, also wenn du zum Beispiel Italienisch lernen möchtest, weil du die Sprache toll findest, du gerne nach Italien reist oder viele italienischsprachige FreundInnen hast.

Extrinsische Motivation bezeichnet Motivationsfaktoren, die von außen kommen, also beispielsweise, wenn deine Firma eine neue Niederlassung in Italien hat und du mit guten Italienischkenntnissen Chancen auf neue Arbeitsprojekte oder eine Gehaltserhöhung hast.

Im Idealfall spielen beide Faktoren zusammen und ergeben ein starkes, persönliches WARUM.


Was sind deine persönlichen Motivationsfaktoren? Am besten, du schreibst sie dir auf und nimmst dir das Blatt Papier immer wieder zur Hand, wenn du mal ein Motivationstief hast. Auch kreative visuelle Techniken können dich hier unterstützen, zum Beispiel in Form einer Motivationscollage mit Bildern, Texten und Fotos von dem Land, dessen Sprache du lernen möchtest.


Was weißt du bereits über Sprache(n)?


Auch wenn wir in einer bestimmten Sprache AnfängerInnen sind, so fangen wir doch nie bei Null an. Auch wenn du noch nie eine Fremdsprache gelernt hast, weißt du viele Dinge bereits von deiner Muttersprache. Zum Beispiel, wie ein Satz aufgebaut ist, dass man das Verb an die Person anpasst (ich lerne, du lernst, er lernt,..), oder dass es verschiedene Zeitformen gibt. Das ist dein metasprachliches Wissen. Vielleicht ist dir gar nicht bewusst, dass du bereits über Vorwissen verfügst.

Dieses Vorwissen dient dir als Vergleichsbasis für weitere Sprachen, die du lernen möchtest. In der Sprachlernforschung ist schon seit vielen Jahren bekannt, dass die Stärkung der Muttersprache(n) bei Kindern und Jugendlichen zu größerem Lernerfolg beim Lernen jeder weiteren Fremdsprache führt.


Mach dir dein Wissen zunutze und überlege dir, was du alles über deine Sprache(n) weißt:


*Wird die Sprache so ausgesprochen, wie sie geschrieben wird, oder gibt es hier Unterschiede?

*Wie ist ein typischer Satz aufgebaut?

*Welche Zeitformen gibt es?

*Gibt es eine oder sogar mehrere Höflichkeitsformen?

*Was schreibt man groß, was schreibt man klein?


Sprachen so zu entdecken, ist für alle zugänglich und macht Spaß. Eine gute Möglichkeit, dir umkompliziert solches Wissen über bestimmte Sprachen anzueignen, sind Sprachensteckbriefe, die dich über genau diese Charakteristika informieren.


Welcher Lerntyp bist du?


Meine Notizen für die Matura habe ich damals allesamt auf einem alten Kassettenrekorder aufgenommen und mir immer wieder angehört. Die Matura habe ich gut bestanden, und noch heute geistern mir Wortfetzen aus diesen Aufnahmen durch den Kopf. Ich bin ganz klar ein auditiver Typ. Am besten lerne ich durch Zuhören.

Welche Lerntypen gibt es noch? Der visuelle Typ lernt durch Anschauen. Wenn es für dich sehr wichtig ist, etwas geschrieben zu sehen oder selbst Notizen oder Skizzen zu einem Thema zu machen, bist du vermutlich ein visueller Typ. Kommunikative Typen lernen vorwiegend durchs Sprechen, kinästhetischen Lerntypen hilft es, sich im Lernprozess zu bewegen oder Dinge anzugreifen. In der wissenschaftlichen Literatur ist noch von weiteren Lerntypen die Rede. In der Realität sind die meisten Menschen eine Mischform aus verschiedenen Lerntypen. Für mich stellt diese Einteilung in Lerntypen keine starre Regel dar. Sie kann aber ein hilfreicher Ausgangspunkt für deinen Lernprozess sein. Womit möchtest du (bevorzugt) lernen?


Ein weiterer wichtiger Unterschied ist die Art, wie du mit unbekannten Faktoren in deinem Lernprozess umgehst. Es gibt Lernende, für die es total in Ordnung ist, wenn sie einen Artikel in der Fremdsprache lesen und noch nicht alle Wörter verstehen. Oder wenn man ein bestimmtes Grammatikphänomen übt und den Rest des Satzes vorerst einfach mal auswendig lernt, weil die anderen Phänomene in diesem Satz erst später zum Thema werden. Sie haben den Zusammenhang verstanden und vertrauen darauf, dass alles Weitere schon noch kommen wird.

Andere Lernende wiederum halten das so gar nicht aus. Sie wollen sofort wissen, was jedes Wort bedeutet und verstehen, warum dieser Satz so oder so gebaut ist. In der Wissenschaft spricht man hier von der sogenannten Ambiguitätstoleranz. Das ist die Fähigkeit, Widersprüche oder Unklarheiten (vorerst) akzeptieren zu können – oder eben nicht.


Je besser du dich selbst und dein Lernverhalten sowie deine bevorzugten Methoden kennst, desto mehr Spaß wird dir das Lernen machen. Es gibt kein one size fits all beim Lernen!


Hat das Lernen einen fixen Platz in deinem Tag oder in deiner Woche?


Ein guter Tipp ist, dir das Sprachenlernen vorab in deinen Kalender einzutragen. Schau dir deine kommende Woche an und überlege dir ganz realistisch, wann und wo du dir Zeit fürs Lernen nehmen kannst. Und dann trag es ein. Genauso, wie du das auch bei deiner Arbeit, deinen Vorlesungen oder einem Arzttermin machen würdest. Diese Zeit gehört dann dem Sprachenlernen.

Auch wenn das nur zehn Minuten pro Tag sind: Blocke dir diese Zeit und verteidige sie mit Zähnen und Klauen! Schalte dein Handy auf lautlos und mache den Menschen in deinem Umfeld klar, dass du während dieser Zeit nicht verfügbar bist.


Die meisten LernerInnen überschätzen den Einfluss von Talent und unterschätzen die Macht von gut etablierten, regelmäßigen Lerngewohnheiten. Unsere Kultur ist voll von Geschichten über Ausnahmetalente und Menschen, die über Nacht Riesenerfolge (welcher Art auch immer) hatten.


Die Realität ist meistens weniger spektakulär.

Ich habe immer wieder Deutschlernende in meinen Kursen, die behaupten, nicht sprachenbegabt zu sein oder die noch nie eine Fremdsprache gelernt haben – und trotzdem erzielen sie unglaublich gute Fortschritte, wenn sie dem Lernen der Sprache Zeit und Raum in ihrem Alltag geben.

Umgekehrt kenne ich es von mir selbst, dass mir früher alle LehrerInnen Sprachtalent zugeschrieben haben und ich in allen Sprachfächern in der Regel sehr gut war.

Und trotzdem: Wenn ich mal faul war und nichts gelernt habe, weil ich darauf spekuliert habe, eh alles irgendwie zu können, hatte ich auf die Französischschularbeiten schon auch mal Fünfer. Zu Recht!

Auf Talent alleine ist kein Verlass.

Talent sagt dir grundsätzlich nur, auf welcher Stufe du einsteigst; es sagt aber rein gar nichts darüber aus, wie weit du kommen kannst.


Hast du ein gutes Lernumfeld?


Der beste Lehrer/die beste Lehrerin und die ambitioniertesten Absichten helfen dir nicht, wenn dein Spanischlernbuch unter einem Berg von Papieren im untersten Regalfach vergraben ist oder du jeden Tag erst den vollgeräumten Schreibtisch freiräumen musst, um dir dein Lernvideo anschauen zu können.

Auch Angehörige, die während deines Onlinekurses zuhause im Hintergrund herumlaufen und ständig nur schnell mal was aus dem Regal neben dir brauchen, nehmen dir Energie und Konzentration weg. Such dir einen guten Platz zum Lernen und verwahre deine Lernunterlagen so, dass du leicht an sie herankommst.

Überlege dir, wann und wo du am nächsten Tag lernen möchtest, und leg deine Sachen genau dorthin.

Beispiele aus meinem Alltag sind etwa, dass ich mir mein Notizbuch für die Morgenseiten am Vorabend schon auf den aufgeräumten Küchentisch lege. Mein aktuelles Buch liegt neben dem Bett, da ich fast immer vor dem Einschlafen lese, und die Website, über die ich Zeitungs- und Zeitschriftenartikel lese, ist als Startseite in meinem Browser eingestellt.


Wenn du deine gewünschten Gewohnheiten leicht zugänglich und gut sichtbar machst, wirst du leichter konsequent dranbleiben können!


Magst du deine Lernmaterialien?


Es gibt unzählige Bücher, Kurse, Ressourcen, Notizbücher, Hefte und Stifte. Wenn du mit deinem Stift nicht gerne schreibst, das Heft für deine Vokabeln dir doch zu klein ist oder dich dein kompliziert geschriebenes Kursbuch schon beim Anschauen nervt: Schmeiß es raus und such dir Materialien, die zu dir passen. Das dauert vielleicht am Anfang eine Weile, aber es lohnt sich immer.

Auch wenn du in einem Institut lernst, gibt es vielleicht Möglichkeiten, das Lehrwerk zu ändern, wenn viele Menschen im Kurs damit so gar nicht können. Zumindest kannst du aber darauf achten, dass du Materialien bei dir hast, mit denen du gerne schreibst und lernst. Und auch wenn ich persönlich aus vielen validen Gründen eine Verfechterin der Handschrift bin: Wenn für dich der PC im Alltag besser funktioniert oder du gerne mit Handy-Apps lernst, dann tu das.


Wie kannst du dir das Lernen so schön wie möglich machen?


Katie Dalebout schreibt in ihrem Buch: In any given situation, it's your responsibility to make it fun.

Rigide Lernpläne, Drill und stundenlanges, freudloses Am-Tisch-Herumsitzen sind passé. Bitte mach dich nicht zu deinem eigenen Kerkermeister!

Überleg dir lieber, wie du dir das Lernen so schön wie möglich gestalten kannst. Für mich persönlich heißt das vor allem: Schöne Schreibmaterialien und gute Stifte.

Für dich ist es vielleicht das Schönste, wenn du dich zum Lernen eine halbe Stunde auf eine Parkbank im Grünen setzen kannst. Vielleicht lernst du auch gerne in Cafés (sobald diese wieder öffnen dürfen...).

Du bist ein erwachsener Mensch, der weiß, was ihm gut tut. Also tu es!


Gibt es Dinge, die für dich einfach nicht funktionieren?


Nach etlichen ausgegebenen Euros und Onlinekursen, die seit Monaten oder Jahren ihr Dasein als Lesezeichen in meinem Browser fristen, musste ich mir irgendwann eingestehen: Vorab aufgenommene Kurse sind wenig bis gar nichts für mich. Ich weiß nicht, woran das liegt. Es hat definitiv nichts mit dem Inhalt oder dem Lehrer/der Lehrerin zu tun.

Es war irgendwie hart, mir das einzugestehen, denn: Ich bin selbstständig und betrachte es als einen meiner größten beruflichen Vorteile, zu einem großen Teil zeitlich unabhängig arbeiten, lernen und Freizeit haben zu können. Nichtsdestotrotz– ohne eine fixe Zeit und eine Deadline, zum Beispiel in Form einer Hausübung für einen wöchentlich wiederkehrenden Kurs, mache ich in den allermeisten Fällen lerntechnisch schlicht und einfach: GAR NICHTS. Nada. Niente.

Und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. (Die Hausübungen meiner DeutschlernerInnen trudeln auch meistens erst ein paar Minuten vor Kursbeginn per Mail ein.)

Andererseits kenne ich aber auch viele Menschen, die sehr gut mit vorab aufgenommenen Kursen lernen können und diese zeitliche Flexibilität wirklich sehr schätzen. Wichtig ist es, für dich herauszufinden, was für dich persönlich einfach nie funktioniert hat. Und dann: Aufhören, das zu tun und über andere, erfolgsversprechendere Lernmethoden nachzudenken. Ein guter Anhaltspunkt dafür sind die Erfahrungen aus deiner Schul-, Ausbildungs- oder Uni-Zeit. Welche Lernerlebnisse waren positiv, welche negativ, welche neutral? Am besten machst du dir dazu eine Liste und versuchst dabei, so spezifisch wie möglich zu sein, zum Beispiel:


Ich mochte es gar nicht, dass wir in Englisch so wenig mündlich geübt haben.

Es war super, dass wir in Französisch eine Sprachreise gemacht haben und die Sprache vor Ort anwenden konnten. Das war extrem motivierend!

etc.


Vielleicht brauchst du, genau wie ich, ein gewisses Maß an Verpflichtung in Form eines wöchentlichen Kurses oder einer sich regelmäßig treffenden Gruppe von Gleichgesinnten.

Vielleicht hast du aber das Lernen in der Gruppe noch nie gemocht und lernst gerne selbstständig (weiter). In diesem Fall kannst du vielleicht von einigen wenigen, gezielten Einzelstunden mehr profitieren als von einem Semester-Gruppenkurs.

Evaluiere, was für dich nicht passt. Und triff die Entscheidung, es in Zukunft anders zu machen.


Gibt es derzeit einfach Relevanteres in deinem Leben?


Vielleicht hast du dir alle oben genannten Fragen gestellt. Zusätzlich noch alle möglichen Tipps, Tricks und Hacks ausprobiert, die du finden konntest. Und trotzdem will es nicht klappen.

Anstatt dich deshalb fertigzumachen und dich ständig selbst als faul oder unmotiviert zu beschimpfen, solltest du dich lieber ganz offen und ehrlich fragen, ob die Sprache, die du lernen willst, vielleicht ganz einfach gerade keine Priorität hat. Vielleicht hast du aktuell eine sehr stressige Phase im Job, oder du bist gerade Mama oder Papa geworden, oder hast bereits viele andere Hobbys, die dich erfüllen und deine Freizeit in Anspruch nehmen. Das ist okay!

Du musst diese Sprache deshalb nicht komplett aufgeben. Gib dir die Erlaubnis, dass es gerade einfach nicht passt und dass du vielleicht später in deinem Leben darauf zurückkommen wirst. Versuche, das möglichst wertfrei und liebevoll dir selbst gegenüber zu tun. Dass es jetzt gerade nicht passt, heißt weder, dass du es nicht kannst oder die Sprache ohnehin unnötig ist. Es heißt schlicht und einfach, dass du derzeit –aus welchem Grund auch immer– keine zeitlichen und/oder mentalen Kapazitäten dafür hast.


Das ist jetzt meine sehr persönliche Meinung: Es gibt keine, oder zumindest nur sehr, sehr wenige Menschen, die per se faul sind. Menschen sind von Natur aus kreative und neugierige Wesen, die Dinge erfahren und dazulernen wollen. Faulheit ist für mich kein Charakterzug, sondern ein Symptom. Zum Beispiel von Stress, Langeweile, Depression oder Überforderung.

Schau genau hin: Was ist die wirkliche Ursache deiner Aufschieberitis?


Ich hoffe, dieser Blogbeitrag hat dir Ideen und Unterstützung für deinen Sprachlernprozess gegeben.

Was sind deine persönlichen Sprachenlern-Tipps? Wie motivierst du dich zum Lernen und welche Sprache(n) lernst du gerade? Wenn du möchtest, verrate es uns gerne in den Kommentaren!


Viel Spaß beim (Weiter-) Lernen und bis zum nächsten Mal!



(Photo by sean Kong on Unsplash)



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