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Ich schreib für dich Tagebuch


Photo by Marcos Paulo Prado


Seit vielen Jahren bin ich leidenschaftliche Tagebuchschreiberin und werde nicht müde, die Freuden und Vorteile des Tagebuchschreibens zu loben. Es gibt so viele Wege, Perspektiven und Techniken, um über Erlebtes zu schreiben. Das müssen nicht immer nur die ganz großen Dinge sein. Gerade die kleinen, sinnlichen Details des Lebens sind oft die, die Jahre oder Jahrzehnte später ein komplettes Bild dieser Erinnerung wieder aufleben lassen.

Vor einigen Monaten wurde ich durch einen Fernsehbeitrag auf eine besondere Art des Tagebuchs aufmerksam. Ein Intensivtagebuch ist kein normales Tagebuch, sondern eines, das von PflegerInnen und Angehörigen geschrieben wird, und zwar für einen Patienten oder eine Patientin, der/die im Koma liegt und nicht mitbekommt, was gerade passiert. In diesem Tagebuch finden sich Einträge von PflegerInnen, die sich vorstellen und beispielsweise genau beschreiben, welche Behandlungen vorgenommen wurden. Angehörige schreiben, wann sie da waren und wie sie mit dem Patienten/der Patientin gesprochen haben. Das alles hat mich unglaublich neugierig gemacht, denn die Zeit in medizinischen Einrichtungen ist immer knapp. Die Tatsache, dass man sich trotzdem die Zeit für diese Tätigkeit nimmt, macht deutlich, was das Schreiben leisten kann. Tatsächlich kann das nachträgliche Lesen und Nachvollziehen der Ereignisse den Patienten helfen, Symptome von Posttraumatischer Belastungsstörung (PTSD) zu minimieren. Das große schwarze Loch des Nicht-Wissens, des Nicht-Da-Seins, wird mit Texten und Fotos geschlossen. Was für eine schöne Idee, anderen Menschen bei der Heilung zu helfen – und das mit Stift und Papier!

Auf Google Scholar findest du einige interessante wissenschaftliche Beiträge, die sich genauer mit dieser Thematik beschäftigen. Ich persönlich habe mich von dieser Form des Tagebuchs inspirieren lassen und mich gefragt, in welchen Situationen des Alltags man diese Idee sonst noch einsetzen könnte – Tagebuch schreiben für Menschen, die gerade auf welche Weise auch immer nicht da sein können oder sich nicht aktiv an diese Zeit erinnern können. Hier sind drei Ideen und Gedanken dazu.


1) Für Paare in einer Fernbeziehung

Eine Fernbeziehung ist schon unter normalen Umständen nicht lustig, und die aktuelle Lage verschärft das noch. Ja, ich weiß. Heute gibt es Skype, WhatsApp und Co., um immer in Kontakt zu sein und die andere Person am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Trotzdem ist es wunderschön und viel langfristiger, deine Erlebnisse, Gedanken und Gefühle auf Papier festzuhalten. Was hast du in der Abwesenheit deines Liebsten/deiner Liebsten erlebt? Wie ging es dir dabei? Wo hast du dir gewünscht, dass er/sie dabei gewesen wäre? Worauf freust du dich besonders, wenn ihr euch wieder sehen könnt?

Halte es fest. Lass deiner Kreativität freien Lauf und füge gerne Fotos, Zeichnungen oder andere Materialien hinzu. Aber Achtung: Deine Texte müssen nicht literarisch anspruchsvoll oder besonders schön geschrieben sein. Alles darf, nichts muss. Das gilt übrigens für alle Ideen, die ich mit dir teile.

Besonders schön ist es, wenn beide Partner ihre Erlebnisse und Gedanken festhalten und die betreffenden Bücher bei einem Wiedersehen austauschen.


2) Für dein Baby

Die meisten von uns wissen ungefähr von unseren Eltern, wann wir zu laufen oder zu sprechen begonnen haben. Doch wäre es nicht schön, noch mehr zu wissen? Mit einem Baby oder Kleinkind vergeht die Zeit wie im Flug, und beinahe jeden Tag passiert etwas Neues. Nicht nur die Meilensteine zählen, sondern auch alle kleinen freudigen, lustigen oder auch stressigen Momente. Wenn du für dein Kind Tagebuch führst, und seien es nur ein paar Zeilen hier und da, entsteht ein lebendiges Bild der ersten Jahre, an die dein Kind sich noch nicht aktiv erinnern kann. Und wenn es alt genug ist, kannst du es ihm schenken – vielleicht auch gleich mit dem Angebot, dass es von nun an selbst weiterschreiben kann, wenn es das möchte!


3) Freundschaftsbuch reloaded

Wenn ein guter Freund oder ein Familienmitglied für einige Zeit ins Ausland geht, um dort zu studieren oder zu arbeiten, stehst du vielleicht mit einem lachenden und einem weinenden Auge da. Einerseits freust du dich für die Person und die Möglichkeit, die sich ihr bietet, andererseits wirst du sie vermissen und dir wird klar, dass in den nächsten Monaten viel passieren wird, bei dem sie nicht persönlich dabei sein kann. Der betreffenden Person geht es vermutlich genau gleich. Also: Schreib es auf! Habt ihr einen größeren gemeinsamen Freundeskreis, könnt ihr euch auch mit dem Schreiben abwechseln. So entsteht eine gemeinschaftliche Erzählung aus vielen Perspektiven – ein wunderbares Willkommen zurück-Geschenk.


Hier noch ein paar Tipps zu Materialien und weiterführenden Ressourcen zum Thema Tagebuch:


Es gibt unendlich viele schöne Notizbücher und es ist deine Entscheidung, welche du am liebsten magst. Wenn du ein langjähriges Tagebuch suchst, ist zum Beispiel das Some lines A Day von Leuchtturm sehr empfehlenswert.

Wenn du in Wien lebst und nach Inspirationen suchst, wie du deine Tagebücher mit visuellen Elementen erweitern kannst, lege ich dir den Workshop Visual Diary ans Herz. Hier lernst du verschiedene kreative Techniken, um Farben oder Fotos in dein Tagebuch zu übertragen.

Auch in diesem Buch sowie im neuen Magazin SchreibRÄUME bekommst du viele Inspirationen zum Thema Visual Diary, Memoir und Tagebuch.


Ich wünsche dir viel Spaß beim Experimentieren und Aufschreiben! Hast du noch weitere Ideen, wie man das Konzept des Intensivtagebuchs kreativ abwandeln könnte? Schreib es uns in die Kommentare!








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