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Fünf Dinge, die ich über akademische Abschlussarbeiten gelernt habe


Es ist mir ein großes Rätsel: Ich liebe Schreiben und ich mochte meine beiden Studienfächer sehr. Doch die Kombination aus beidem – nämlich das Schreiben der wissenschaftlichen Abschlussarbeit – war für mich in beiden Fällen ein Horror. Im heutigen Blogpost möchte ich dir erzählen, was ich bei meinen beiden Abschlussarbeiten (Vergleichende Literaturwissenschaft, Uni Wien 2013 sowie Germanistik/Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, Uni Graz 2021) im Guten wie im Schlechten gelernt habe, was gut gelaufen ist, und was ich nachträglich betrachtet besser anders gemacht hätte. Am Schluss gibt es außerdem noch einen Buch- bzw. Workshoptipp, wenn du dir mehr Unterstützung für deine Abschlussarbeit wünschst.


1) Gute Betreuung ist das A und O.


Hier hatte ich beide Male Glück, denn sowohl meine erste als auch meine zweite Betreuerin waren kompetent, freundlich und gut erreichbar, wenn es um meine Abschlussarbeit ging. Sie haben konstruktives Feedback gegeben, mit dem ich gut arbeiten konnte.


Oft bekommen Studierende leider das Gefühl, BittstellerInnen zu sein und das ist schade. Denn die professionelle Betreuung der eigenen Studierenden ist nichts, was dein/e Betreuer/in aus Mitgefühl oder Nächstenliebe macht – es ist Teil ihres/seines Lehrauftrages.

Meine Empfehlung ist also: Wenn es noch möglich ist, such dir eine/n Betreuer/in, der/die fachlich und persönlich kompetent ist. Ideal ist es, wenn du diese Person schon aus einem Seminar oder einer anderen Lehrveranstaltung kennst und weißt, wie sie mit den Studierenden umgeht und wie sie Feedback gibt.

Es ist auch gut, nicht monatelang ins Blaue zu arbeiten und dann erst die fertige Arbeit abzuschicken (die dann im schlimmsten Fall nicht genau das ist, was sich dein Betreuer/deine Betreuerin vorgestellt hat). Besprich am besten noch vor dem Beginn deiner Recherchen mit deinem Betreuer/deiner Betreuerin deine Forschungsfrage sowie einen Zeitplan und frage nach, ob du ihm/ihr auch den Zwischenstand deiner Arbeit schicken kannst. Hier empfiehlt sich ganz am Anfang das Inhaltsverzeichnis, die (vorläufige) Struktur und das Literaturverzeichnis; später dann die erste Rohfassung der Arbeit. So holst du dir an den wichtigen Punkten deiner Arbeit Feedback und kannst mit diesem weiterarbeiten bzw. rechtzeitig den Kurs korrigieren, falls etwas für deinen Betreuer/deine Betreuerin zu wenig oder zu viel ist.



2) Knappe Zeitpläne sind stressig – zu lockere Zeitpläne jedoch noch viel schlimmer.


Meine erste Abschlussarbeit entstand unter sehr hektischen Umständen. Ich war neben dem Uni-Endspurt berufstätig, in meiner Familie gab es einen Krankheitsfall, und die Zeit war sehr knapp, da der alte Studienplan am Auslaufen war (was bedeutet hat, dass ich viele Lehrveranstaltungen wiederholen müsste, sollte ich die Frist nicht schaffen). Achja, und meine Betreuerin hat ihr erstes Kind erwartet. Im April 2013 habe ich wenige Tage vor dem Auslaufen des alten Studienplans und vor dem Beginn des Mutterschutzes meiner Betreuerin die Abschlussprüfung gemacht. Was soll ich sagen? Die Produktivität der letzten Minute...


Meine zweite Arbeit war das komplette Gegenteil. Es gab keine Vorgaben der Uni, bis wann wir fertig zu sein hatten, und sehr viele Studierende, mich eingeschlossen, haben ihre Arbeiten sehr, sehr lange hinausgezögert. Bei mir fiel die Abschlussarbeit nicht nur mit meiner ganz frischen Selbstständigkeit zusammen, sondern auch mit dem Beginn der Corona-Pandemie und dem chaotischsten, unplanbaren Jahr 2020. Und ganz offen gesagt hatte die Arbeit in diesem verrückten Jahr einfach nie die oberste Priorität (und nein, auch nicht die zweite oder dritte Priorität). Arbeit schreiben ohne Zeitdruck oder Deadline: Klingt eigentlich gut, oder? Doch um ehrlich zu sein, fand ich diese Arbeit um einiges nervtötender und stressiger als die erste. Nichts ist beim Schreiben einer längeren Arbeit lästiger und unmotivierender, als sich nach Wochen oder gar Monaten wieder komplett neu einlesen und einarbeiten zu müssen. Die Anfangsenergie, die man bei jedem Mal wieder braucht, ist einfach unverhältnismäßig hoch.

Das war definitiv mein größter Fehler bei meiner zweiten Abschlussarbeit. Wenn du in einer ähnlichen Situation bist, würde ich dir empfehlen, immer an deiner Arbeit dranzubleiben, auch wenn es nur zehn Minuten täglich sind: Einen relevanten wissenschaftlichen Artikel lesen, Freewritings machen, geschriebene Texte neu lesen – egal, was es ist, lass den Kontakt zu deiner Arbeit nicht abreißen.


3) Eine Einteilung der Arbeit in unterschiedliche Phasen erleichtert das Arbeiten.


Wenn du ganz am Beginn stehst, fühlt es sich vermutlich so an, als würde deine Arbeit wie ein riesiger, unbezwingbarer Berg vor dir stehen. Genauer betrachtet besteht eine Arbeit aber aus unterschiedlichen Phasen: Zuerst sammelst du Material, recherchierst und formulierst eine Forschungsfrage. Zu dieser Frage liest und recherchierst du dann genauer und schreibst vielleicht schon deine ersten Texte und Notizen. Das sind nicht unbedingt Texte, die in deine fertige Arbeit müssen – viele davon sind vorbereitende Texte oder Notizen, die du schreibst, um deine eigenen Gedanken auf dem Papier sichtbar zu machen. Auf jeden Fall ist es gut, gleich mit dem Schreiben zu beginnen. Denn alles, was einmal da ist, kann verwendet, überarbeitet, vertieft und verfeinert werden. Wissenschaftlich gesehen deutet außerdem einiges darauf hin, dass das Niederschreiben mit Stift und Papier zu einer besseren Informationsverarbeitung führt. Dinge, die du aufschreibst, merkst du dir also besser; dein Gehirn verarbeitet sie auf einer tiefergehenden Ebene.


Hast du dir diesen ersten Überblick verschafft, folgt die Strukturierung und Gliederung: Welche Unterthemen sind dir wichtig? Wie soll deine Arbeit aufgebaut sein? Danach folgt in der Regel wieder eine längere, zielgerichtete Schreibphase. Den daraus entstehenden Rohtext deiner Abschlussarbeit kannst du dann überarbeiten und ihm am Schluss den inhaltlichen, sprachlichen und optischen Feinschliff geben. Die mittleren Schritte (Rohtext schreiben/Überarbeiten) wiederholen sich bei den meisten Arbeiten, bevor du zum Feinschliff übergehen kannst. So gesehen wird eine Arbeit bewältigbar und auch leichter einteilbar.


4) Die letzten Meter sind die mühsamsten.


Das Pareto-Prinzip, auch die 80/20-Regel genannt, ist ein Modell, das ursprünglich aus der Wirtschaft kommt, aber auf verschiedenste Lebensbereiche vom Sport über die Planung bishin zur IT angewendet werden kann. Vereinfacht gesagt sagt dieses Prinzip aus, dass 80 % der Wirkung durch 20% des Aufwands errreicht werden. Für eine Firma kann das zum Beispiel bedeuten, dass 20% der KundInnen für 80% des Einkommens verantwortlich sind. In der IT-Welt werden gut 80% der Computerfehler behoben, indem man 20% aller Fehlerquellen behebt. Diese 80/20-Verteilung ist natürlich nicht in Stein gemeißelt, kommt aber in unglaublich vielen Bereichen sehr nahe an die tatsächlicheVerhältnismäßigkeit.

Bei deiner Abschlussarbeit verhält es sich auch so. Für den letzten Feinschliff und die letzten Korrekturen, also die letzten 20%, gehen rund 80% deiner Energie und Arbeitszeit drauf. Diese letzten Schritte sind meistens anstrengender und arbeitsintensiver als alles, was davor passiert ist. Sei darauf mental vorbereitet und plane genug Zeitreserven und Pausen ein, damit du nicht gegen Ende die Nerven wegwirfst.


5) Selbst Korrektur lesen und Layout machen ist gut – es machen zu lassen ist noch besser.


Viele Studierenden scheuen sich davor, sich für ihre Arbeiten Hilfe für das Korrekturlesen zu holen.

Dabei ist das ist (im Gegensatz zu Ghostwriting) nicht nur ganz legal, sondern wird auch von mehreren Lehrenden auch ausdrücklich empfohlen. Denn du selbst wirst immer für viele Aspekte deines Textes blind sein, auch wenn du ihn noch so oft selbst Korrektur liest. Jede/r von uns hat seine/ihre Lieblingsfehler.

Du lieferst Recherche, Aufbau und Inhalt – die Arbeit ist zu 100% dein eigenständiges geistiges Werk. Eine Person deines Vertrauens kümmert sich dann darum, Grammatikfehler zu finden, dich auf Wortwiederholungen, redundante Argumente oder inhaltlich unklare Stellen aufmerksam zu machen. Falls du dich selbst nicht so gut mit Layouts auskennst, ist es ratsam, auch diesen optischen Feinschliff von einem Profi machen zu lassen. Wenn du das Geld für ein Korrektorat nicht ausgeben kannst oder möchtest: Vielleicht gibt es eine/n Studienkolleg/in, der/die auch gerade die Abschlussarbeit schreibt und bereit für ein Korrektur-Tandem ist? Oder einen Freund, eine Freundin, die dafür perfekt geeignet ist (weil er/sie immer sämtliche Tippfehler findet) und der/die dich im Gegenzug um einen anderen Gefallen bitten darf? Es ist keine Schande, um Hilfe zu bitten! Es macht den ganzen Prozess leichter und freudvoller, wenn du auf Teamwork baust.

Wie du gutes Textfeedback gibst und empfängst, kannst du in einem älteren Blogbeitrag von mir nachlesen. Auch zu den häufigsten Fehlern im Deutschen gibt es einen Artikel.


Bist du auch gerade bei deiner Abschlussarbeit und möchtest ausführlichere Informationen zu diesem Thema? Dann kann ich dir Judith Wolfsbergers Buch frei geschrieben ans Herz legen. Hier erfährst du alles zur Erarbeitung deiner Forschungsfrage, der Erstellung eines für dich sinnvollen Zeitplans, dem Schreiben und Überarbeiten deiner Arbeit und vieles, vieles mehr. Möchtest du deine Abschlussarbeit in einem motivierenden Team mit professioneller Schreib-Unterstützung schaffen? Frei geschrieben gibt es nicht nur als äußerst hilfreiches Buch, sondern auch als Workshop. Du kannst wählen zwischen geblockten Terminen, semesterbegleitenden Kursen und Online-Workshops.


Hast du bereits eine Abschlussarbeit hinter dir und weitere Tipps? Verrate es uns gerne in den Kommentaren!


Ich wünsche dir viel Erfolg bei deiner Abschlussarbeit!

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(Photo credit: MD Duran on Unsplash)

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